ZEIT ONLINE: Herr Baer, Iran hat die Anschuldigung, an einemMordkomplott gegen den saudischen Botschafter in Washington beteiligt gewesen zu sein, als "Erfindung" bezeichnet. Was halten Sie davon?
Robert Baer: Ich denke nicht, dass die US-Regierung den Vorfall frei erfunden hat. Allerdings habe ich starke Zweifel, dass die Regierung in Teheran an den Attentatsplänen direkt beteiligt war, oder diese gebilligt hat. Viel eher hat das Weiße Haus einem stümperhaften Plan aufgebauscht, so scheint es mir.
ZEIT ONLINE: Sie teilen also die Skepsis zahlreicher Nahost-und Iran-Experten an der offiziellen Darstellung dieses Falls?
Baer: Ich halte die Terrorplanung, so wie sie dargestellt wird, für sehr unglaubwürdig. Falls daran etwa wahr sein sollte, würde das alles, was wir über heute über Iran wissen, in Frage stellen. Sicher, Teheran hat eine Menge Gründe, über die USA und Saudi-Arabien zornig zu sein. Denken wir nur an die Serie von Morden und Attentaten auf iranische Atom-Experten oder die Installierung des Stuxnet-Wurmes. Dafür machte Iran die USA und Israel verantwortlich. Und der saudische König hat ja nachweislich die USA dazu aufgefordert, Iran zu bombardieren ...
ZEIT ONLINE: ... Zudem war Iran in der Vergangenheit zweifellos an Terror-und Mordanschlägen in Europa und anderswo beteiligt.
Baer: Ja, aber diese Anschläge wurden von Verbündeten Teherans ausgeführt. Und das iranische Regime bemühte sich immer, seine Fingerabdrücke zu beseitigen. Iran hat auch niemals versucht, einen Anschlag in den USA selbst auszuführen.
ZEIT ONLINE: Wie beurteilen sie die eigentliche Anschlagsplanung, soweit sie bisher bekannt ist?
Baer: Es ist sehr unglaubwürdig, dass man sich in Teheran dabei auf eine nicht-islamische, mexikanische Drogengang verlassen haben soll, die sowohl von amerikanischen als auch von mexikanischen V-Leuten unterwandert ist. Ausgerechnet bei der Ausführung eines solch sensiblen Attentates. Warum sollte Iran so ein Risiko auf sich nehmen? Warum sollte der saudische Botschafter in den USA das Terrorziel sein? Er ist kein Mitglied der königlichen Familie, er ist nicht einmal der wichtigste Verbindungsmann zwischen Washington und Riad. Da gäbe es ganz andere Ziele, die iranischen Interessen eher dienen dürften.
ZEIT ONLINE: Die Anschuldigungen vertiefen jedenfalls das Misstrauen zwischen Saudi-Arabien und Iran. Wer könnte daran Interesse haben?
Baer: Die US-Regierung kämpft mit zahlreichen Problemen, die nächsten Wahlen stehen bevor. In solchen Fällen lässt man gerne außenpolitisch die Muskeln spielen, um zu zeigen wie tough man ist. Auch Saudi-Arabien hat ein Interesse daran abzulenken. Von seinen eigenen, wachsenden Problemen. Und von seinen Verwicklungen in den internationalen Terrorismus.
ZEIT ONLINE: Liefern sich Iran und Saudi-Arabien nicht schon längst einen Stellvertreterkrieg?
Baer: Die Beziehungen sind tatsächlich an einem Tiefpunkt. Und der Stellvertreterkrieg ist im vollen Gange. In Bahrain, in Syrien, im Irak und anderswo. Saudi-Arabien könnte es niemals alleine mit der militärischen Schlagkraft Irans aufnehmen, deshalb versteckt man sich hinter Verbündeten.
ZEIT ONLINE: Könnte es denn nicht möglich sein, dass radikale Kräfte innerhalb des iranischen Regimes an dem Anschlagszenario beteiligt gewesen sind? Die sogenannten Al-Quds-Brigaden werden ja genannt.
Baer: Es gibt nur sehr wenige paramilitärische Organisation weltweit, die professioneller arbeiten, als die Al-Quds-Brigaden. Diese Leute wissen ganz genau, was sie machen. Sie lassen niemals ihre eigenen Staatsbürger an Terroranschlägen teilnehmen. Die amerikanische Öffentlichkeit und der Kongress sollten mehr Informationen einfordern, bevor irgendwelche übereilten Aktionen getroffen werden. Wenn das Regime in Teheran so dumm und inkompetent wäre, wie die Beschuldigungen andeuten, dann wäre es sein eigener schlimmster Feind.