"Antisemitismusmythos jenseits jeglichen Realitätsbezugs"

Sabine Schiffer (CASMII)
Feb 2, 2009

        Dr. Sabine Schiffer ist Gründerin und Leiterin des Instituts für Medienverantwortung in Erlangen.

Leserbrief zum NZ-Interview (Nürnberger Zeitung) mit Matthias Küntzel, 31.1./1.2.2009

Der Vortrag „Die Rolle des Iran im Nahostkonflikt“ von Dr. Matthias Küntzel, der den Anlass für das NZ-Interview bot, ist eine Herausforderung für Geschichts- und Ethiklehrer – zumal der Veranstaltungsort das Willstätter Gymnasium in der „Stadt der Menschenrechte“ war. Aus angeblicher Israelsolidarität, was man als ehemaliger Linksaußen wie Matthias Küntzel wohl nötig hat, wird durch die Auswahl teils falsch übersetzter Zitate (vom tendenziösen Übersetzungsdienst MEMRI) und das komplette Weglassen der Situationen, in denen die Zitate entstanden sind, ein Antisemitismusmythos jenseits jeglichen Realitätsbezugs kreiert.

Die Selektivität von Küntzels (a)historischem Abriss der Entwicklungen im Nahen Osten ermöglichte es, den situativen Kontext vor Ort komplett auszublenden und aktuelle Entwicklungen einer Irrationalität islamistischer Protagonisten zuzuschieben (vgl. Volker Perthes „Iran: eine politische Herausforderung“). So erwähnt Küntzel zwar das Jahr 1952 als Schlüsseljahr für die iranische Geschichte, nicht jedoch den Namen und die illegale Ausschaltung des demokratisch gewählten Premierministers Mossadeq 1953 und die langfristigen Folgen dieses Eingriffs in inneriranische Angelegenheiten. So nennt er die Wirtschaftskontakte deutscher Firmen, nicht jedoch, dass europäische Firmen wegen der Einhaltung des Wirtschaftsembargos zunehmend an Umsätzen einbüßen, während US-Firmen ihre seit Jahren um ein Vielfaches steigern konnten. Warum die iranischen Juden den Iran nicht verlassen wollen angesichts ihrer angeblich existenziellen Bedrohung durch ein irrationales antisemitisches Regime, wurde psychologisch zu deuten und als Faktum zu entwerten versucht. Und warum wir eine iranische Atombombe mehr fürchten sollen, als eine der USA, deren „rationale“ Präsidenten bisher die einzigen waren, die den Abwurf auf andere Länder genehmigten, erklärte Küntzel nicht. Und dem Publikum war vermutlich auch nicht bekannt, dass „panzer-“ und „bunkerbrechende“ Bomben radioaktives Uran enthalten, welches bereits tonnenweise im gesamten Nahen Osten ausgebracht wurde und von dessen Kontamination auch Israel nicht verschont bleiben wird. 

Die Überhöhung der Konfrontation Iran-Israel schürt aber nicht nur Angst vor Terrorismus und um Israel – sie gräbt der Opposition im Iran das Wasser ab. Denn die will sich nicht dem „westlichen Imperialismus“ andienen und nicht dazu benutzt werden, weitere Einflussnahme in der Region zu rechtfertigen. Wem arbeitet man also mit dieser Feindstigmatisierung zu, indem man die konstruktiven Kräfte unerwähnt lässt? Zum Wohle Israels, das in der Region als erstes den Kopf hinhalten muss, geschieht dies ganz sicher nicht. Vielmehr dient die vordergründige Israelsolidarität der eigenen Schuldabwehr, wie John Bunzl das in seinem Buch „Zwischen Antisemitismus und Islamophobie“ beschreib. Und zu den dort erwähnten Antideutschen gehört auch Matthias Küntzel – eine dem Verfassungsschutz bereits aufgefallene Splittergruppe der Linken.

In der Tat: es gibt viel und zunehmenden Antisemitismus in der so genannten islamischen Welt und darüber hinaus. Das ist Fakt, ungut und kontraproduktiv. Jedoch besonders den „islamisierten Antisemitismus“ ausschließlich einer Irrationalität angesichts der realen Fakten vor Ort und der (Kriegs-)Rhetorik der mächtigen Staaten zuzuschreiben, verhindert gerade eine Bekämpfung desselben und verfestigt gar Verschwörungstheorien. Und das wissen die Antideutschen, die von ihrem vermeintlichen Gutmenschentum Israel gegenüber leben.


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