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Der amerikanische Publizist Robert D. Kaplan erhofft sich von der Oppositionsbewegung im Iran einen ähnlich weltverändernden Anstoß wie ihn die polnische Solidarnosc in den 1980er Jahren bewirkt hatte. Den »Protestierenden auf den Straßen iranischer Städte« hält er in einem in der Welt vom 4. Februar erschienenen Kommentar zugute, ebenso wie ihre polnischen Vorläufer »keine wild gewordenen Ethnien« zu sein, »die für irgendeinen illiberalen Blut- und Boden-Nationalismus demonstrieren, sondern eine aufgeklärte, technisch versierte Menge, die nach den universellen Werten von Demokratie und Menschenrechten ruft.« Ganz so aufgeklärt und ohne Beschwörung von Blut, Boden und der heiligen Jungfrau als »Königin von Polen« ist die polnische Rebellion auf den Knien freilich nicht abgelaufen. Überhaupt haben, zum Beispiel im Kosovo, »wild gewordene Ethnien« auch schon mal ihren Beitrag zur amerikanischen Machtentfaltung, pardon: zur Durchsetzung der universellen Werte von Demokratie und Menschenrechten geleistet.
Kaplan sieht eine für den Westen und seine amerikanische Führungsmacht glorreiche Zukunft voraus. »Mögen auch gut 200000 Soldaten im Irak und in Afghanistan gebunden sein«, schreibt er, »es ist der Iran, der das Zeichen unserer Zeit zu sein verspricht«. Genüßlich beschreibt er den Domino-Effekt, den »ein neues System im Iran« auslösen könnte: »Es hätte positiven entscheidenden Einfluß auf die Politik und Sicherheitslage im Irak, es würde Syrien zu echter Mäßigung zwingen, würde zur Aushöhlung der Hisbollah beitragen und den Weg zu einem israelisch-palästinensischen Friedensabkommen leichter machen.« Ein Umsturz im Iran und die Pax Americana wäre so gut wie perfekt. Teheran befände sich dann in der Rolle eines Bollwerks gegen die arabische Welt, was seine Anerkennung als Regionalmacht zur Voraussetzung hätte. Für Kaplan kein Problem: »Ein Iran, der zugleich demokratisch und schiitisch wäre, würde gegen den sunnitisch-wabhabitischen Extremismus von Saudi-Arabien den Ausschlag geben.« Vor einem Regimewechsel in Teheran ist freilich die Unterstützung Saudi-Arabiens im Kampf gegen den schiitischen Extremismus unabdingbar.
Der Welt-Autor sieht im Iran nicht nur den »Dreh- und Angelpunkt von Greater Middle East«, sondern auch den möglichen Ausgangspunkt einer konterrevolutionären »Weltrevolution«. Sich unter anderem auch auf den russischen Revolutionszyklus beziehend, schreibt er: »Revolutionäre Wendepunkte hängen von so vielen Unwägbarkeiten ab, daß die Geheimdienste immer hinterherhinken.« Gleich im nächsten Satz heißt es indes: »Mögen wir im Westen also auch hoffen, daß sich 2010 als das Jahr der iranischen Konterrevolution erweist, in Wahrheit wissen wir es nicht.« Ob die Konterrevolution einen revolutionären Wendepunkt markiert, oder der revolutionäre Wendepunkt eine Konterrevolution verspricht?
Was Mister Kaplan aber weiß, ist, daß der (konter)revolutionäre Wendepunkt ohne betrügerische Manöver nicht erreicht werden kann. Bereits 2003 schrieb er in seinen »Zehn Regeln für das amerikanische Imperium im 21. Jahrhundert« (Atlantic Monthly Nr. 7): »Wenn wir uns daher durchsetzen und zugleich demokratische Grundsätze fördern wollen, müssen wir geschickt im Verborgenen und hinter verschlossenen Türen agieren.« Wie das nun einmal die demokratischen Grundsätze erfordern. Deshalb empfiehlt der liberale Neocon US-Präsident Obama, »nicht zu riskieren, daß die amerikanische Unterstützung den Demonstranten schadet« und »über Demokratie nur in allgemeinen Begriffen« zu sprechen. »Er sollte, heißt das, die Sprache universeller Werte so oft als möglich in den Äther schicken und so den Demonstranten Mut machen, ohne sich demonstrativ hinter sie zu stellen.«
Barack Obama hätte dieses Ratschlages nicht bedurft. Schon als im Frühsommer im Iran die erste Demonstrationswelle losbrach, hatte er sich eher distanziert zur Opposition geäußert, um den Verdacht über eine amerikanische Einflußnahme auf die Bewegung zu zerstreuen. Was aber im Verborgenen und hinter verschlossenen Türen zur Durchsetzung demokratischer Grundsätze unternommen wird, läßt sich irgendwie vorstellen. Auch ohne Kaplans veröffentlichte Überlegungen über die Grundsätze konspirativer Diplomatie. Inzwischen ist es auch kein Geheimnis mehr, daß Barack Obama die wirklichen Ziele der US-Außenpolitik etwas geschickter als sein Vorgänger zu verbergen weiß.